von ZierFisch am Mo 8. Mär 2010, 16:36
In diesem Moment klingelte Felix' Handy. Seine Mutter. Felix unterdrückte ein genervtes Stöhnen. Seit seine Schwester vor einem Jahr der Familie den Rücken gekehrt hatte, sprach seine Mutter nur ncoch im weinerlichen Tonfall. Felix wusste nicht, was damals vorgefallen war. Seine Schwester, zu der er als einziges Familienmitglied noch Kontakt hatte, sprach nicht darüber, ebenso wenig wie ihr Mann. Und in der Familie Steiner war das Thema tabu. Sein Vater hatte strengstens verboten, dass Stefanies Name überhaupt noch mal erwähnt wurde.
"Komm bitte heute Abend zum Essen", sagte seine Mutter. "Dein Vater will etwas Wichtiges mit dir besprechen." Felix konnte sich schon denken, was es war. Immer wieder lag ihm sein Vater in den Ohren, den Studiengang zu wechseln, damit er in die Firma einsteigen könnte. Doch Felix hatte kein Interesse daran. Schließlich wollte sein Bruder Markus lieber heute als morgen Chef der Firma werden. Felix dagegen ging lieber seinen eigenen Weg. Zähneknirschend brummte er ein "Ja, bis später" ins Telefon und legte auf. Petra und Jens sahen ihn fragend an. "Ich muss los", sagte er und verließ die Wohnung. Viel lieber hätte er den Abend in seiner WG mit seinen Kumpels verbracht.
Während Felix also das Familienessen notgedrungen über sich ergehen ließ, saß Iris am anderen Ende der Stadt in ihrer Wohnung. Der Fernseher flimmerte, doch was da gezeigt wurde, ging irgendwie an Iris vorbei. In einem Programm lief ein Krimi, in dem das Mordmotiv wieder einmal ein Seitensprung war. Davon hatte sie genug. Sie zappte weiter. In einem anderen Programm lief ein Fußballspiel, im nächsten versuchten Möchtegern-Stars, zu singen. Iris stöhnte und schaltete ab. Im Radio liefen nur Liebeslieder, weil heute Valentinstag war. Iris beschloss, früh schlafen zu gehen. Doch kaum lag sie im Bett, kamen ihr die Tränen. Noch vor wenigen Tagen hatte Markus neben ihr gelegen, ohne dass sie ahnte, was für ein Doppelleben er führte. Es tat weh, als Iris daran dachte, wie sie nichts Böses ahnend in die Wohnung kam und Markus und ihre beste Freundin im Bett erwischte. Sie hatte genau dort gelegen, wo Iris jetzt lag. Angeekelt verließ Iris das Bett und legte sich auf's Sofa.
Doch an Schlaf war nicht zu denken. Zu oft kreisten Ihre Gedanken um ihren Liebeskummer. Doch plötzlich hielt sie inne. Jemand anders hatte sich in ihre Gedanken geschlichen. Dieser Junge, den sie vorm Krankenhaus getroffen hatte, Felix hieß er. Ein bisschen jung, aber nett war er ja. Gut sah er auch aus. Sie seufzte. Davon hatte sie sich bisher immer blenden lassen. Alle ihre Verflossenen waren nett und gutaussehend gewesen und hatten sogar einige Gemeinsamkeiten gehabt. Und alle hatten sich später als bittere Enttäuschungen entpuppt. Wie sicher war sie sich bei Markus gewesen! Und jetzt das…! Sie stutzte. Felix und Markus waren sich einfach zu ähnlich. Ein paar Jahre Altersunterschied zwar, aber sonst passte alles. Sogaar das gleiche offene, gewinnende Lächeln, das Iris von Anfang an fasziniert hatte. Die Ähnlichkeiten waren so verblüffend, dass man sie fast für Brüder halten konnte. Wütend schleuderte Iris ein Kissen gegen den Fernseher. Nein, Markus Steiner reichte. Auf gar keinen Fall brauchte sie noch mal so einen.
In diesem Augenblick hörte Iris ein verräterisches Kratzen an der Wohnungstür. So ein Mist, dachte sie. Sie hatte vergessen, Markus den Schlüssel abzunehmen.
"In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst."
(nach Augustinus Aurelius)